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Schweizer
Blick auf das hinter Stacheldraht abgeschottete, kriegführende
Deutschland
Vorlage: Museum am Burghof (Bearb.: J. Krause)
In
Kooperation mit dem Lörracher Museumsverein lud der Freiburger
Arbeitskreis Regionalgeschichte am 29. Juni 2010 zum Themenabend "Numme
zäh Meter witter äne, no were mr Schwizer" ins Museum
am Burghof ein. Im
Rahmen unseres derzeitigen Arbeitsschwerpunkts "Grenze" wurde,
moderiert von Vorstandsmitglied Dr. Robert Neisen, anhand von
Zeitzeugenaufzeichnungen und Filmausschnitten das Kriegsende und die
Nachkriegszeit im Lörracher Grenzgebiet behandelt.
Der Veranstaltungstitel geht auf die literarisch überlieferte Äußerung
eines Südbadeners zurück, dessen Meinung nicht wenige Deutsche entlang
der schweizerischen Grenze damals geteilt haben dürften: Nur zehn Meter
weiter (und somit jenseits des Grenzzauns), dann wäre man Schweizer.
So dachten seinerzeit allerdings längst nicht alle Menschen im
Grenzgebiet, wie Arbeitskreismitglieder in den vergangenen Monaten bei
Recherchen im Deutschen
Tagebucharchiv
und im Lörracher
Stadtarchiv
herausgefunden haben. Einen kleinen Eindruck von den bei
Kriegsende und in der Nachkriegszeit vorhandenen Sichtweisen vermitteln
Tagebucheinträge, Berichte und Briefe, die Markus Eisen und Günther
Klugermann vom Arbeitskreis Regionalgeschichte Freiburg und Inge Gula
vom Museumsverein Lörrach den zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und
Zuhörern vortrugen.
Stacheldrahtverhau als Grenze
Zu
hören
waren beispielsweise Aufzeichnungen eines 18-Jährigen über seine Zeit
beim Reichsarbeitsdienst im Raum Weil-Lörrach im Frühjahr 1944. Die
Schweizer Grenze verlaufe überwiegend entlang des Rheins, aber bei
Basel bilde sie "auf deutschem Gebiet kleinere Brückenköpfe", hält er
fest. "Das sind natürlich die besten Schlupflöcher für solche, die das
herrliche Deutschland in Richtung Schweiz schwarz verlassen wollen.
Unsere Aufgabe ist es also, diese Löcher dicht zu machen", erklärt er,
offenbar überzeugt von seiner Tätigkeit. Zu diesem Zweck wird,
vorhandene Grenzbauten ergänzend, ein drei Meter hoher und fünf Meter
tiefer Stacheldrahtverhau errichtet.
"Festung" Lörrach
Da
der
Grenzzaun zwar Menschen an der rettenden Flucht aus Deutschland
hindert, aber nach außen kaum wirksamen Schutz bietet, ordnet
die nationalsozialistische Kreisleitung im Frühjahr 1945 unter dem
Kanonendonner der näher rückenden alliierten Streitkräfte noch
Verteidigungsarbeiten an.
"Wir mußten, Männlein u[nd] Weiblein, Gräben
ausheben zuerst mitten in der Stadt Lörrach. Lörrach, hieß es, muß
Festung werden", berichtet ein damaliger Lehrer rückblickend. "Die
Kreisleitung ließ um die Stadt herum und mitten
zwischen den Häusern Gräben anlegen. Straßen wurden aufgerissen, die
Schächte über den Abwasserkanälen geöffnet und darüber Zement-Ringe mit
Schießscharten gesetzt. In diesen Stinklöchern sollte jeweils ein
deutscher Soldat mit einem M.G. [Maschinengewehr] Aufstellung nehmen.
Solche Löcher waren an allen Straßenkreuzungen."
Doch damit nicht genug: "Zudem kamen Befehle heraus, wie: 'Jedes
Haus eine Festung', 'Schießt aus jedem Kellerfenster!' u.s.f. [...]
Lörrach glich immer mehr einem Narrenhaus. Schließlich wurden auf allen
Straßen Panzersperren errichtet." Schulunterricht erteilte der
Lehrer längst nicht mehr: "Werktags war ich zum Schanzen befohlen
und sonntags zum 'Volkssturm'."
"Volkssturm"-Aktivitäten
Wie
sehr es
in den letzten Kriegstagen auch im Raum Lörrach hin und her geht,
deutet der Tagebucheintrag eines anderen deutschen
"Volkssturm"-Mitglieds an. Als am 23. April 1945 in Wittlingen eine
weiße Fahne gehisst wird, erhält er zusammen mit seinen Kameraden den
Befehl, sie herunterzuschießen. "Nach 5 Schuß verschwindet sie für etwa
zehn Minuten; dann ist sie wieder da." Weitere Aktionen der
Volkssturmmänner werden offenbar durch "starke Fliegertätigkeit"
der Alliierten verhindert.
Während die Nachbarstadt Weil am Rhein kampflos übergeben wird,
beschießt der Lörracher Nazi-Bürgermeister Reinhard Boos zusammen mit
einem kleinen "Volkssturm"-Aufgebot die am 24. April 1945 anrückenden
französischen Truppen und riskiert dadurch die Zerstörung Lörrachs, wie
Museumsleiter Markus Moehring dem Publikum im Saal berichtete. Erst als
Boos selbst verletzt ist, lässt er die weiße Fahne hissen. Nach dem
Krieg habe der bald wieder als Lokalpolitiker aktive ehemalige
Nazi-Funktionär die Kampfhandlungen als "symbolisch" verharmlost.
Tatsächlich waren dabei aber eine ganze Reihe von Menschen ums Leben
gekommen: mehr als ein halbes Dutzend Deutsche sowie eine unbekannte
Anzahl Franzosen, darunter mindestens einer, der in seinem
abgeschossenen Panzer verbrannte.
Plünderung und Sabotage
In
den
Stunden vor dem Einmarsch der französischen Truppen beobachtet
der schon zitierte Lehrer in Lörrach "Plünderungen in
tollstem Ausmaß" begangen von Einheimischen, darunter mehrere
nationalsozialistische Funktionsträger. Die
Eisenbahnbrücke über die Wiese wird von deutschen Soldaten befehlsgemäß
gesprengt. Bei der
Tüllinger (Straßen-) Brücke hingegen sabotieren zwei junge
Burschen die vorbereitete Sprengung, indem sie die Zünddrähte
heimlich durchtrennen. Einer der beiden, inzwischen 65 Jahre älter,
saß bei der Veranstaltung im Publikum und konnte unter dem Applaus der
Anwesenden Einzelheiten erläutern.
Lörrach leer und tot
Wie
es in den
ersten Nachkriegswochen auf deutschem Boden aussieht, hält eine
Schweizerin im Frühsommer 1945 nach einer kurzen Reise ins Badische
fest: "Schon Lörrach bedeutet für den Schweizer eine andere Welt. Die
Geschäfte sind geschlossen. Nur Lebensmittelgeschäfte sind
geöffnet, so lange oder sofern sie Vorrat haben, ebenso Apotheken, die
nur noch geringe Bestände aufweisen, und Coiffeurläden, in denen
rasiert und frisiert wird, wenn der Kunde die Seife und den Spiritus
mitbringt. Gas ist nicht vorhanden und Elektrizität nicht immer." Von
den französischen Besetzungstruppen abgesehen wirkt die Stadt auf sie
"leer und tot".
Von der Schweiz getrennt
Der
deutsche
Stacheldrahtverhau bleibt auch nach dem Krieg noch geraume Zeit als
Trennungslinie mitten im alemannischen Sprachraum bestehen. Von
Ausnahmegenehmigungen abgesehen, ist die Schweiz in den ersten Jahren
nach dem Krieg selbst für südbadische Grenzbewohner unerreichbar.
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Dies
kommt
auf unscheinbare, anrührende Weise in den Kindheitserinnerungen
von Hilde Ziegler (Jahrgang 1939) zum Ausdruck (denen sich auch der
Veranstaltungstitel verdankt). So weiß die in Weil am Rhein
aufgewachsene Schauspielerin als kleines Mädchen: "Wenn man auf den
Tüllinger [Berg] spaziert, kann man Basel sehen. Und Basel sei das
Paradies, sagen sie." Als Zehnjährige schaut sie sich mit
einer Freundin interessiert den von jenseits der Grenze stammenden
Verlobten einer Nachbarin an, denn "wir haben noch nie einen Schweizer
gesehen." (Während der Verlobung wirft einer einen Hering an
die
Decke, Basel 1997, S. 10-43)
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Unvergessene
Kindheitseindrücke
Ausschnitte
aus einer Verfilmung dieser Kindheitserinnerungen wurden
zum Abschluss des Themenabends gezeigt. Daran schloss sich eine rege
Diskussion an. Fragen aus dem Publikum beantworteten die anwesenden
Historiker. Mehrere Veranstaltungsteilnehmer/-innen, die in ihrer
Kindheit das Kriegsende und die Nachkriegszeit im Grenzgebiet
selbst erlebt hatten, steuerten eigene Eindrücke und Einschätzungen
bei, berichteten etwa von Zwangsarbeitern in Lörracher Betrieben und
in der heimischen Landwirtschaft, von der sinnlosen Plackerei ganzer
Schulklassen an Panzergräben oder von guten wie schlechten Erlebnissen
mit marokkanischen Soldaten der französischen Armee. Auch 65 Jahre nach
dem Ende der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkriegs sind die damaligen
Ereignisse in lebhafter Erinnerung.
J.
Krause
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